Gute akzentuiert Photos:
DSC00302

Bild von fabian flickr
Ich mag Neonfarben. Akzentuiert eingesetzt.
Hush

Bild von h.koppdelaney
Hush
HKD
Das gebrochene Schweigen
Ihr Nachbar hatte bei ihnen um Erlaubnis gebeten, eine Frage stellen zu dürfen, denn er sehe, sie seien untereinander sehr schweigsam, darum störe er die Stille nur ungern. Der etwa siebzigjährige Fahrgast erhielt von beiden Teilnehmerinnen eines Schweige-Retreats ein freundliches Kopfnicken. Die etwa fünfzig Jahre alte Patricia, die regelmäßig nach Burma zu einem Meister fuhr, um zu meditieren, antwortete auf seine Frage, was sie so ausgeglichen mache.
„Die Erkenntnis, dass alle Täuschungen meinem eigenen Wesen entspringen.“ Sie sprach bedächtig weiter. „Das bedarf der Erläuterung.“ Sie legte die gefalteten Hände in den Schoß, schloss die Augen und fuhr – immer wieder kleine Pausen einlegend – fort.
„Emotionen erscheinen in mir und treiben mich zu Handlungen. Die unbewussten Triebkräfte bringen unendliche Leidenschaften hervor.
Mit zunehmendem Alter wuchs in mir die Erkenntnis, dass ein triebhaftes Leben sehr schmerzhaft und leidvoll ist.
Nur die Unwissenheit ließ mich als Jugendliche glauben, ich könne meine Begierden und Aggressionen ohne Konsequenzen ausleben.
Das beispielsweise gehört zu den Selbsttäuschungen.
Man befasst sich nun in der Meditation mit den Kräften der Begierde, der Ablehnung und dieser rätselhaften Unwissenheit. Ich hielt mich lange Jahre für sehr dumm.“ Für Sekunden lächelte sie.
„Unwissenheit verbirgt den Ursprung der Begierden – und den des Widerstandes, der mich sogar dazu zwingen konnte, mich selbst zu hassen.
Durch Meditation habe ich mehr und mehr Aspekte meines Selbsthasses erkannt und ebenso Aspekte meiner Begierden. Durch das Aufdecken und die Akzeptanz meiner leidenschaftlichen Gefühle wurde ich immer ausgeglichener und mein innerer Krieg wandelte sich mehr und mehr zu innerem Frieden.“
Der ältere Herr hatte mit größter Aufmerksamkeit zugehört, doch ich spürte seine Überforderung sehr deutlich. Er bedankte sich ohne weitere Fragen und schwieg.
„Vielleicht darf ich meine Sicht noch kurz hinzufügen“, sagte die zweite Teilnehmerin, nachdem Patricia bemerkte, dass die Übungen der Achtsamkeit auf den Atem und die Beobachtung und Analyse der Emotionen zur buddhistischen Grundlagenpraxis gehören.
„Begierde zieht sehnsüchtig an, Aggression lehnt ab, greift an, schließt aus und Ignoranz bedeutet, dass man sich nicht kümmert, dass man kein Interesse hat oder Zusammenhänge einfach nicht kennt.“ Auch sie sprach akzentuiert und knapp.
„Dadurch dass man um die Struktur der Psyche weiß, kann man die eigenen Stärken und Schwächen gut einschätzen und vor allen Dingen annehmen. Darum geht es. Und wenn man gerade an ein Objekt der Begierde gefesselt wird, dann braucht man seine Begierde nicht mehr loszuwerden, man kann lernen, sie anzunehmen und bei sich zu behalten. Das bringt die Gelassenheit. Es geht nicht um das Verschwinden unangenehmer Gefühle, sondern um ihre Akzeptanz als natürliche Erscheinung. Auf dies Weise kann man die Verantwortung für den eigenen Schatten übernehmen und die Übertragung auf einen Sündenbock entfällt.“
Patricia fügte noch vier Sätze hinzu, die mir Anlass gaben, für den Rest meiner Bahnfahrt über dieses an sich kurze Gespräch nachzudenken.
„Wenn ich meine dunklen Seiten kenne und angenommen habe, bin ich unverwundbar. Niemand kann mir vorwerfen, beispielsweise unordentlich zu sein, wenn ich diesen Zug an mir nicht mehr verurteile. Und wenn ich ihn an mir nicht mehr verurteile, lehne ich ihn auch bei anderen nicht mehr ab. Auf diese Weise fördere ich den inneren wie äußeren Frieden. Ich bin weder gut noch schlecht. Wertung beruht auf Täuschung.“
Sie lächelte und endete mit der Bemerkung. „Doch Selbstverurteilung ist eine sehr hartnäckige Abgelegenheit. Ich falle immer wieder einmal darauf herein. Zum Beispiel dachte ich gerade, ich könnte zuviel geredet haben… Das ist eine Täuschung.“
Und genau das stimmte meiner Meinung nach, denn ich hätte gern noch mehr über ihre Erfahrungen gehört. Doch ich akzeptierte ihr Schweigen, das anhielt, bis der Zug den nächsten Bahnhof erreichte und sie sich freundlich bei mir und dem Herrn verabschiedeten.
HKD
Digital art based on own photography and textures
HKD